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Beispiel: Ehe – Konflikt

Ein Beispiel für ein weit verbreitetes Konfliktthema bei Ehepartnern äußert sich in dem Vorwurf: „Du hörst mir ja immer nie zu!“  Um den Partner zu einem besseren Zuhören zu bewegen, wird er mit Bitten, Argumenten, Vorwürfen oder Drohungen bedrängt. Diese Versuche sind nicht nur erfolglos, sondern können den Konflikt sogar verschärfen. Sie sind zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht durch systemisches Denken entstehen, sondern durch ein fokussierendes Denken, das sich nur auf einen Teil der Wirklichkeit konzentriert, wie z.B.:

  • egozentrisches Denken: Dieses entwicklungsgeschichtlich frühe Denken kommt zum Ergebnis „Das, was ich wahrnehme, ist die Wahrheit. Eine andere zählt nicht. Ob und wieviel mein Partner zuhören muss, das kann (nur) ich beurteilen.“ Egozentrisches Denken mag heute noch sinnvoll sein, wenn es um das nackte Überleben geht, aber nicht in der Ehe. Mit zunehmender Entwicklung der Menschheit bzw. Reife des Einzelnen sollte die Erkenntnis wachsen, dass andere Menschen berechtigt anders wahrnehmen, was zu einem sozialen Denken führen muss: „Kann es sein, dass ich meinem Partner gegenüber ungerecht bin, dass ich meine Bedürfnisse viel zu wichtig nehme und die seinigen zu wenig beachte?“
  • dualistisches Denken: Es teilt die Wahrnehmungen ein in „entweder Du oder Ich“ und „entweder richtig oder falsch“. Die beiden häufigsten Schlussfolgerungen, die aus diesem Denken entstehen, sind: „Ich denke richtig und Du denkst falsch.“ und „Immer bin ich derjenige, der alles ausbaden muss.“ Mit dieser vereinfachenden Aufspaltung des Problems in Pol und Gegenpol lassen sich vielleicht schnelle Entscheidungen herbei führen, aber eine dauerhaft befriedigende Konfliktlösung ist danach nicht zu erwarten. Alternative Denkweisen können zu guten Konfliktlösungen führen:
    • monistisches Denken: „Wir beide sind ein Paar und somit eine Einheit. Der Konflikt ist nicht mein Problem und nicht Deine Schuld, sondern unsere Chance, unsere Paarbeziehung zu verbessern.“
    • oder pluralistisches Denken: „Du hast – wie jeder Mensch und wie auch ich – verschiedene Stärken und Schwächen. Im Augenblick stört mich, dass Du nicht zuhörst. Dafür gefällt mir, dass Du sehr konsequent und nicht launisch bist. Und auch Du findest Fehler an mir, aber auch Stärken. Und morgen kann es wieder anders sein.“
  • monokausales Denken: „Wenn Du besser zuhören würdest, dann wäre das nicht passiert. Du bist schuld!“ Es fehlt ein multikausales Denken, d.h. die Einsicht, dass beide Partner, und wahrscheinlich noch weitere Faktoren, an der Ursache des Konflikts beteiligt sind.
  • pessimistisches Denken: „Es ist schlimm, dass Du nicht zuhörst. Und wahrscheinlich wird es in Zukunft immer noch schlimmer.“ Wenn man so denkt, wird es nach dem Prinzip der sich selbst erfüllenden Prophezeiung irgendwann tatsächlich soweit kommen. Mit einer alternativen, z.B. optimistischen Denkweise kann man das Problem leichter lösen, wie z.B. mit den Fragen „Was ist das Gute daran, dass der Partner nicht zuhört?“ oder „Irgendwann schaffe ich es, dass er mir gut zuhört.“
  • logisches Denken: „Wenn Du besser zuhören würdest, müsste ich Dir nicht so oft sagen, dass …“ Diese Logik setzt voraus, dass allein durch gutes Zuhören schon eine Einsicht für eine notwendige Verhaltensänderung entsteht. Dies ist jedoch nur selten der Fall. Vermutlich fehlt es nicht am Zuhören, sondern an der Einsicht. Statt logisch zu denken, sollte man psychologisch denken, wie z.B. „Weshalb ist mein Partner nicht in der Lage, mir zuzuhören?“ oder „Wie kann ich mein Verhalten ändern, damit der Partner besser zuhört?“
  • rationales Denken: „Ich habe es Dir schon so oft gesagt, aber es ist ja sinnlos, mit Dir darüber zu reden, das ist ja jedesmal so, als ob ich an die Wand reden würde.“ Hier werden offenbar die emotionalen Beweggründe für das Nichtzuhören ausgespart. Es ist aber auch denkbar, dass geradezu in emotional erregter Weise provoziert wird, damit der Nichtzuhörende seine emotionalen Gründe für die Verweigerungshaltung endlich offenbart. Mit emotionalem Denken würde man verstehen, dass sich der Partner vor so viel Druck verschließt und erst recht nicht zuhört. Es ist besser, wenn man die eigenen Gefühle ausdrückt: „Es macht mich traurig, wenn Du mir nicht zuhörst. Ich bekomme dann Angst, dass ich Dir nicht mehr so viel bedeute wie früher.“
  • analytisches Denken: „Wenn das Deine Mutter zu Dir sagen würde, dann würdest Du sofort reagieren. Aber bei mir hörst Du nicht mal zu …“ Der gedankliche Ansatz mag zwar richtig sein, was aber fehlt, ist das nachfolgende synthetische Denken: „Will ich so sein wie seine/ihre Mutter und will ich, dass er/sie sich mir gegenüber so verhält wie bei seiner/ihrer Mutter?“
  • kaufmännisches Denken: „Wir hätten uns schon jede Menge Geld gespart, wenn Du nur auf mich hören würdest.“ Es wird nicht bedacht, dass die Motive für Handeln oder Nicht-Handeln nicht nur finanzieller Art sein müssen. Wenn man ein anderes Denken wählt, wie z.B. nachhaltig/ökologisches Denken, könnte man die Reaktion des Partners nachvollziehen.
  • pauschalisierendes Denken: „… immer … nie …“  Mit einer Verallgemeinerung wird der nicht zuhörende Partner i.d.R. ungerecht behandelt. Meistens mangelt es an seiner Zuhörfähigkeit nur bei bestimmten Themen oder in bestimmten Situationen. Ein differenzierendes Denken ist besser geeignet, eine Lösung zu finden: „Bei welchen Themen und in welchen Situationen hört der Partner nicht zu?“
  • nicht wertschätzendes Denken: Die Person, die den Vorwurf ausspricht, stellt sich über die angesprochene Person und wertet sie ab. Diese Abwertung macht eine partnerschaftliche Kommunikation unmöglich.

Die Lösung für diesen Konflikt weicht offensichtlich immer von der Art zu denken ab, mit der man den Konflikt zunächst wahrnimmt. Diese Art ist meistens detailorientiert, fokussierend, manchmal sogar engstirnig. (Es ist interessant, dass wir in der deutschen Sprache mit dem Begriff „engstirnig“ gut vertraut sind, aber den komplementären Begriff „weitstirnig“ nicht kennen.) Die Lösung erfordert deshalb immer eine Öffnung des detailorientierten Denkens in Richtung systemisches Denken, wie es im Angelsächsischen etwa mit „open-minded“ bezeichnet wird.

Lösungsweg Nr. 1:

Der anstrengendste Weg ist der, sein bisheriges Denken und seine Weltanschauung in zahlreichen Schritten zum systemischen Denken weiterzuentwickeln (siehe:  Wie funktioniert systemisches Denken?). Das bedeutet u.a. die Einsicht in folgende Erkenntnisse:

  • dass ein System (das Paar bzw. die Paarbeziehung) komplexer aufgebaut ist, als nur aus den beiden Elementen „ich“ und „Du“ (siehe Familienaufstellung),
  • dass dieses System wiederum ein Element von noch größeren Systemen ist, wie z.B. gesellschaftliches Umfeld, Marktwirtschaft, Abendland, usw.,
  • dass jedes System seine realen und nominalen Zwänge hat, aber auch seine realen und nominalen Freiheiten (siehe Zwänge und Freiheiten im Denken),
  • dass es nicht nur ein „entweder … oder …“, sondern auch ein „sowohl … als auch …“ gibt, und was besonders wichtig ist, manchmal auch ein “ weder … noch …“,
  • dass es zwischen dualen bzw. polaren Zuständen wie z. B. „falsch“  und „richtig“ oder „schwarz“ und „weiß“ auch beliebig viele Grautöne gibt,
  • dass sich eine Beurteilung / Entscheidung ändern kann, evtl. ändern muss, wenn neue Erkenntnisse hinzu kommen,
  • dass man möglicherweise niemals alle Erkenntnisse hat, die man brauchen würde,
  • dass es immer mehrere Ursachen gibt, wie z.B. interne und externe, temporäre und permanente; das gilt sowohl für Erfolg, wie auch für Misserfolg, (siehe Kausalattribution)
  • dass alles seinen Preis (Nachteil, Schattenseite, Gegenargument) hat,
  • dass es immer eine Alternative gibt,
  • dass alles, was ich erfahre, sowohl Positives wie Negatives, auch etwas mit mir zu tun hat und mir helfen kann, mich persönlich weiter zu entwickeln.

Wer diese Erkenntnisse verinnerlicht hat, für den entsteht aus einem Problem kein Konflikt und keine Krise, sondern eine Weiterentwicklung seiner Persönlichkeit im Sinne einer Reifung und Vervollkommnung.

Lösungsweg Nr. 2:

Wem der o.g. Lösungsweg Nr. 1 zu zeitaufwendig ist und wer eine einfache systemische Konfliktlösung sucht, sollte sich Folgendes überlegen:

– „Bei welchen Themen und in welchen Situationen hört der Partner nicht zu?“

– „Wie kann ich mein Verhalten ändern, damit der Partner besser zuhört?“

Lösungsweg Nr. 3:

Es gibt darüber hinaus noch eine Art, den Konflikt auf systemische Weise zu lösen. Sie hat schon fast den Charakter eines Griffs in die Trickkiste: die paradoxe Intervention. Das bedeutet, dass man nahezu das Gegenteil von dem macht, was man zuvor beabsichtigt hat: Man wirft dem Partner nicht mehr vor, dass er nicht zuhört, sondern man achtet besonders auf die – vielleicht seltenen – Momente, wo der Partner wirklich zuhört. Und dann drückt man seine Wertschätzung für dieses Verhalten aus, z.B. durch Dankesworte, durch eine liebevolle Geste oder durch ein kleines Geschenk. Dabei legt man einen Schalter im eigenen Kopf (und Herzen) um, was schließlich zur Lösung des Konflikts führt.